Engadin St. Moritz

Natur & Bergwelt

Berge, Weite, Licht

In der regional gepflegten Sprache Rätoromanisch bedeutet die Urform des Wortes Engadin (Engiadina) Garten des Inns. Ein Garten, der zu Füssen des Berninamassivs mit seinen zahlreichen Dreitausendern und nahe des Schweizer Nationalparks, mit ursprünglichen Lärchen- und Arvenwäldern, als botanische Schatzkammer gilt und im Schnitt über 300 Sonnentage im Jahr aufweist. Das faszinierende Lichtspiel liess Nietzsche gar glauben, die «Wiege aller Silbertöne» gefunden zu haben ...

WIND UND WETTER

Seiner Lage als hochalpines Bergtal verdankt das Engadin auch sein prickelndes Klima. Fachleute bezeichnen es nüchtern als trocken und kontinental und meinen damit, dass es hier wenig Niederschlag gibt. Umso grösser sind aber die Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter sowie zwischen Tag und Nacht.

Dass der Engadiner Winter traumhaft weiss ist, liegt nicht unbedingt am häufigen Schneefall, sondern daran, dass der Schnee liegen bleibt, wenn es welchen gibt: Die trockene Kälte verhindert, dass die Sonne, die Pisten mitten im Winter in Frühlingswiesen verwandelt. Und sie beschert dem Engadin Pulverschnee-Verhältnisse, wie man sie sonst nur in den Rocky Mountains kennt.

Ebenfalls mit der trockenen Luft hängt eine weitere Klimaspezialität zusammen: In der Talebene rund um Samedan kann es in frühen Winter-Morgenstunden bis zu 10°C kälter sein als auf dem 1600 Meter höher gelegenen Piz Corvatsch. Dieser Kaltluftsee bildet sich deshalb, weil trockene Luft mehr Wärme abstrahlt.

Ein weiteres Wetterphänomen ist die Malojaschlange, die sich als schmales Wolkenband den Berghängen entlang vom Malojapass talwärts schlängelt. Der Engadiner weiss dann, dass schlechtes Wetter im Anzug ist. Die Meteorologen erklären es damit, dass feuchte und warme Luft vom Comersee über das Bergell ins Engadin fliesst.

Gletscher im Engadin

Ganze 173 Gletscher bedecken im Engadin eine Fläche von 40 km2 (rund 6% Prozent des Oberengadins) und mäandern rund um die höchsten Gipfel der Ostalpen. Die unbestrittene Nummer eins ist der Morteratschgletscher, mit rund sieben Kilometern der längste Gletscher im Engadin. Ein ebenso eindrückliches Naturschauspiel bieten weitere Gletscher der Region mit klingenden Namen wie Roseg-, Tschierva-, Sella- und Persgletscher.

Ob ein Gletscher wächst oder schrumpft, hängt damit zusammen, wie viel Gletschereis im so genannten Nährgebiet oberhalb der Schneegrenze nachwächst. Dieses Eis entsteht übrigens nicht aus gefrorenem Wasser, sondern aus jenem Schnee, der im Sommer nicht wegschmilzt. Damit ein Gletscher im Gleichgewicht ist, muss das Nährgebiet doppelt so gross sein wie das «Zehrgebiet» unterhalb der Schneegrenze, wo das Eis schmilzt.
Wer im Spätsommer als Hobby-Glaziologe durch die archaische Gebirgslandschaft des Engadins wandert, kommt diesem Phänomen schnell auf die Spur: Wo noch Schnee auf dem Gletscher liegt, befindet sich das Nährgebiet.

Die Wasserscheide am Piz Lunghin

Auf dem Pass Lunghin (2780 m ü. M.) bei Maloja liegt die einzige dreifache Wasserscheide. Ein Wassertropfen kann sich von hier aus seinen Weg in drei verschiedene Weltmeere bahnen: Fliesst er nach Norden, geht’s über die Flüsse Julia und Rhein in die Nordsee. Im Osten gelangt der Tropfen über den Inn und die Donau ins Schwarze Meer. Und wenn er die Reise in den Süden antritt, heisst die Endstation Adria. Bekannt ist die Wasserscheide Lunghin aber auch, weil hier der Inn entspringt, der dem Engadin seinen Namen gibt.

Nicht weit davon entfernt trifft man auf das Gletschermühlen-Reservat Maloja, die grösste Ansammlung von Gletschermühlen in Europa. Die 30 kochtopfartigen Mühlen mit Durchmessern von bis zu 7 m ragen bis zu 11 m tief in den Boden hinein.
Auch in höheren Lagen bestimmt das Wasser den Charakter der Landschaft – hier allerdings in gefrorener Form. Mit dem Morteratschgletscher verfügt das Engadin über den mächtigsten Gletscher der Ostalpen. Als riesiges Süsswasser-Sammelbecken hat er eine wesentliche Bedeutung für das östliche Mitteleuropa.